Radiotheorie reloaded

Wenn ich mir aktuell die Entwicklung um das vermeintlich Recht des Vergessens und jetzt auch dem Urteil bzgl. Social Media Buttons anschaue, muss ich an den Schockwellenreiter, Jörg Kantel, denken; u.a. wie er beim Vortrag auf dem WKE2008 über Partizipation 2.0 auf die Radiotheorie von Brecht hinwies.

Er sagte dabei:

„Neue Medien entstehen notwendigerweise in Kooperation. Ich kann als Webblogger meine Webblog nicht völlig mit eigenen Gedanken füttern. ich brauch Zulieferer, ich brauch Kooperation. Wiederum andere, die von meinen Webblog was mitnehmen. Die von meinen riesigen Fotooutput und Videooutput was mitnehmen“.

Wir waren lange Jahre im Internet in einem Zustand, dass jeder leicht zum Sender werden konnte. Blogs und andere Websites bereicherten das Web. Das Web blühte und es gab eine Atmosphäre des Teilens und der Mitwirkens. Remixing war normal.

Doch inzwischen erfolgt offenbar eine Rückkehr auf die Zustände vor 2003 mit Hilfe von Bürokratie, bzw. durch Ausnutzung und Überdehnung von Rechten und Gerichtsurteilen. Diese gefährden immer mehr das Internet als sozialer und kommunikativer Kulturraum.

Die Methode (ob beabsichtigt oder nicht) ist immer dieselbe: Ein Gesetz oder BGH/OGH-Urteil wendet sich gegen die Handlung eines großen (vermeintlich bösen) Unternehmens.  Dieses Urteil bzw. das Gesetz ist in sich auch oft schlüssig und richtig und möchte Gutes bewirken. So beispielsweise die Pflicht für ein Impressum für die Betreiber von Websites. Ursprünglich war diese Pflicht für kommerzielle Betreiber von Webangeboten gedacht.

Doch was sich eigentlich gegen Unternehmen oder Konzerne richtete, schlug und schlägt schnell zurück viele andere.

Durch die Einbindung von Werbebanner oder Empfehlungen wurden jedoch sehr schnell auch private Blogs und dann auch private Websites unter dieser Pflicht gelegt.  Die Diskussion darüber, wann ein Blog privat oder gewerblich ist, ist immer wieder eine Streitfrage. Man könnte sie natürlich leicht klären und sich verteidigen, wenn man nur das entsprechende juristische Wissen und einen dicken Pelz hat. Leider ist es aber so, dass nun mal eben nicht überall verbreitet ist. Und das viele Leute auch gar keine Lust auf die Zeitverschwendung eines juristischen Spielchens haben.

Folglich akzeptierten viele private Websites die Impressumspflicht. Zwar mit meckern, aber letztlich wurde sie allgemeiner Usus. Inzwischen redet keiner mehr drüber. Eine Ausweg gab es natürlich: Den, einfach gar keine eigene Website mehr zu betreiben und sich in die Obhut eines Blogbetreibers oder einer Plattform zu begeben…

Später kam die Verpflichtung dazu, eine Datenschutzerklärung einzubauen. Auch hier mit dem Ziel den Missbrauch durch kommerziell tätige Unternehmen einzuschränken. Auch hier mit dem Nebeneffekt, dass man dann auch wiedermal alle privaten Blogs und Websites mit traf. Es sei denn, sie nutzten den Ausweg und gaben ihre Website auf und begaben sich in die Obhut eines Blogbetreibers oder einer Plattform…

Vor ein paar Jahren sollte dann nach dem Willen einiger Verbände mit dem Jugendmedienstaatsvertrag eine Verpflichtung an alle Website-Betreiber kommen, ihre Seiten zu kennzeichnen. Zum Glück wurde dies fürs erste abgewendet. Die Widerstände waren dann aufgrund des Unsinns und Unzulänglichkeit der Vorschläge all zu groß. Doch scheint es nur aufgeschoben, nicht aufgehoben. Alvar Freude zeigte auf dem CCC-Kongress und auch vorgestern auf dem Webkongress Erlangen, wie unsinnig diese Vorschläge sind. So zeigte es sich, dass selbst der offizielle Kanal mit den Videos zur Sendung mit der Maus gesperrt sei. Diesen Irrsin erlaubte ich mir zu twittern, worauf ich dann sogleich eine Mention erhielt:

twittershot-20160308-fragfinn

fragFinn, der Twitter-Account des Kinderschutzfilterbetreibers wies darauf hin, dass man die Sendung mit der Maus, ja im fragFINN-Surfraum aufrufen könne.

In anderen Worten: Kommt zur Plattform unseres Vertrauens, da und nur dort ist alles gut. Das nun Menschen allerdings ihre eigenen bevorzugten Plattformen und Orte haben und dort zu Hause sind oder den Content in den eigenen Websites einbinden (zum Beispiel die Videos in der eigenen Homepage), das spielt da gar keine Rolle. Man denkt wie im Jahr 2003, als es die höchste Form der Verlinkung die eines Links oder eines Frames war…

Also auch hier wieder: Wenn man nur den Ausweg nutzte und seine Website aufgebe und sich in die Obhut eines Blogbetreibers oder einer (ausgewählten) Plattform begäbe…

Dann kam jetzt vor einiger Zeit die Cookie-Richtlinie. Viele Blogs und andere Website sind nun fröhlich dabei, ihre Websites mit Cookie-Hinweisen zu versehen. Manche sogar unter dem Zwang von Medienkonzernen, wie Google.

Und auch hier wieder wie bei der Impressumspflicht, der Pflicht zu Datenschutzhinweisen, der gerade noch verhinderten Pflicht zur Altersangabe, man könnte ja…

Und nun das Urteil zu den Social Media Plugins.

Auch hier wurde an Facebook gedacht und ein ehrenwertes Ziel verfolgt, nämlich die unbändige Datensammlerei einzuschränken. Wer nicht viel weiter denkt, beklatschte das Urteil auch schnell.

Nicht als erstes, aber als einer der prominenten Netizens, wies Mario Sixtus darauf hin, dass dies mehr bedeutet als nur Facebook:

twittershot-20160309-sixtus

Sixtus schrieb,

Auf dem Weg, das Internet abzuschaffen, ist Deutschland heute einen entscheidenden Schritt voran gekommen.

Denn genauso wie wir Facebook einbinden, binden wir auch viele andere Dinge ein. Beispielsweise Videos von YouTube, Slides von Slideshare, Schriften von Google,  Twittercards von Twitter.com, Bilder von Flickr, Musik von Jamendo oder anderen freien Plattformen, etc pp.
Und immer und überall ist eines gleich, denn dies ist grundlegender Mechanismus im Netz: Wenn ich ein Objekt aus dem Netz von einem Server lade, merkt der betreffende Server dies auch. Und loggt dies auch wahrscheinlich. Und nutzt diese Daten auch. Und dies ist auch richtig so.

Was der Serverbetreiber jeweils mit diesen Daten macht, ist eine andere Frage. Ob er diese missbraucht zu bösen Zwecken oder ob er sie lediglich nutzt um sich an der Zugriffsstatistik zu erfreuen, eine Erfolgskontrolle und Feedback zu erhalten oder um sie zu remixen und neues zu schaffen: Wir wissen es erst mal nicht. Doch obiges Urteil macht, wie so viele andere oben genannte ein Pauschalurteil über all dies: Das ist böse. Und daher darf das nicht sein.

Die vermeintliche Lösung? Man könne doch alles selbst hosten:

twittershot-20160309-derkalle-content

Tobias McFadden,

„Wer sich auskennt, soll Content selbst hosten, nicht tracken und damit sharebar machen“.

Dies ist genau dieselbe Ansicht, wie es oben die Lobbyisten der Netzfilter vortrugen: Man müsse halt eben alles selbst hosten. Auf einer Plattform: Nicht vernetzt,  nicht erlangt durch Sharing, nicht interaktiv (denn wenn jemand mein Content integriert, wäre dies eine Möglichkeit).

Aber da es niemand leisten kann, alles selbst zu hosten und dies auch genau das widerspricht was verlangt wird (nämlich die Integration fremden Contents), bedeutet dies im Folgeschritt auch das was oben so oft als Ausweg kam:  Den Ausweg, einfach gar keine eigene Website mehr zu betreiben und sich in die Obhut eines Blogbetreibers oder einer Plattform zu begeben. Und dieses mal wahrscheinlich einer speziellen.
Vielleicht gibt es noch einen weiteren Ausweg: Ab ins Darknet und nur noch über Tor mit einer .onion Adresse erreichbar. Oder ins IndieWeb nur noch für Freunde.

Doch ist es das, was wir wollen? Ist das dieses grenzenlose Netz?
Nein. Wir bauen neue Schranken, neue Grenzen auf. Virtuelle Grenzen, die Rechtsräume unterscheiden. Netz der moralische Reinheit hier. Netz des Datenschutzregimes da. Netz aus der Staats- und-Verlags-Connection dort. Dazwischen höchstens ein paar kleine Inseln aus Graswurzel-Projekten, die noch zu klein oder zu unbedeutend sind, als das der Staat oder Lobbys auf sie aufmerksam würden.

Der mündige Bürger, der frei in seiner Entscheidung und seiner Lebenswahl ist? Den kann es nicht mehr geben in dieser Welt. Die sanft knospende Blüte eines Bürgerstaats wird abgerissen: Der Vater- oder Mutterstaat muss den Bürger schützen und behüten. Ob dieser will oder nicht steht nicht zur Debatte, er wird nicht einmal gefragt. Jeder Protest verhalt ungehört, denn auch Demonstrationen sind nur noch ein Symbol in einer Welt voller bunter Symbole, Icons und Emoticons.

Willkommen im Nanny-Netz 3.0. Der Version nach den Misserfolgen Zensursula 1.0 und JMStV-Netz 2.0.

Es macht mich traurig, dass wir nach all diesen Jahren, seit der Schockwellenreiter den oben genannten Vortrag hielt, wieder dabei sind zurück zufallen auf einem Stand davor. Auf einem Stand, indem es aufgrund bürokratischer oder juristischer Hürden zu gefährlich ist, ein eigenständiger „Sender“ zu sein. Wo letztlich als einzig verbleibender Ausweg nur der zu bleiben scheint, sich einer Plattform unterzuordnen; Unter deren Regeln und unter deren Regime.

Wohin auch dies führen kann, hat der Schockwellenreiter in seinem Vortrag auch erwähnt, als er einen Rückblick gab darauf, welches Regime einst die freien Radios unter Kontrolle brachte.

 

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Webkongress Erlangen 2016

Der Zeitplan für den Webkongress ist inzwischen öffentlich. Diesesmal haben wir es geschafft wirklich ein ziemlich umfangreiches Programm zusammenzustellen.
Nicht nur, daß es recht ausgewogen in der Thematik ist, sondern auch die Zahl der Vorträge toppt die vorherigen Kongresse:
28 Vorträge am Dienstag und Mittwoch machen einen wahren Vortragsmarathon. Aufgrund der Zahl der Vorträge haben wir auch die Eröffnung auf den Vortag, den Montag abend gelegt. Somit geht es Dienstag gleich voll los ohne das noch salbungsvolle Grußreden statt finden.
Wie immer wird es zwischen den Vortragstagen eine Abendveranstaltung geben. Für viel Kommunikationszeit ist ausserdem gesorgt.

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Das Motto des Webkongress Erlangen 2010

Das offizielle Motto vom Webkongress Erlangen 2010 lautet bekanntlich Lösungen – von der Theorie zur Praxis.

Auf der offiziellen Webseite wird dies folgendermaßen beschrieben:

„Die diesjährige Veranstaltung führt uns von der Theorie zur Praxis“, erläutert Wolfgang Wiese, Leiter des RRZE-Webteams und Initiator der Veranstaltungsreihe. „Auf den letzten beiden Kongressen wurde im Einzelnen gezeigt, was Barrierefreiheit im WWW bedeutet, wie sich Webangebote professionell und nutzerfreundlich konzipieren lassen und wie man Verfahren aus dem Web 2.0 sinnvoll umsetzen kann. Nun sollen Beispiele gezeigt werden, die dies auch tatsächlich tun.“ Waren die beiden vorherigen Kongresse stark auf technologische Details ausgerichtet, so sollen dieses Jahr mustergültige Lösungen aus verschiedenen Bereichen ganzheitlich präsentiert und analysiert werden. Insbesondere komplexe Webangebote, bei denen Funktionalitäten aus verschiedenen Anmelde-, Verwaltungs- oder Umfragesystemen kombiniert werden, sowie soziale Netzwerke oder große, differenzierte Webauftritte stehen im Mittelpunkt der Vorträge.

Alles klar? Natürlich nicht.
Denn eigentlich bedeutet dies alles und nichts. Es ist naturgemäß eine ziemliche Breite in der Thematik. Und natürlich sind das Texte, die -so ist es üblich und auch richtig- auch entsprechend ihres offiziellen Charakters redaktionell aufbereitet und formuliert sind.
Wobei ich natürlich hoffe, dass die Leute, die täglich im Web arbeiten, doch schon die Richtung verstanden haben, wohin der Kongress dieses mal will.

Hier in meinen privaten Blog, von dem ich weiss, daß hier fast nur reine Webworker mitlesen, darf ich mich jedoch etwas flapsiger ausdrücken. Wir sind ja hier quasi unter uns :)

Also nun etwas genauer zu dem was ich mir vorstelle.

Es gibt zwei inoffizielle Mottosprüche:

Der erste lautet:

„Zur Sache, Schätzchen!“

Das hatte ich hier schonmal beschrieben: Webteam-Blog: WKE 2010: Lösungen / Solutions
Also da wollen wir, dass wir jetzt mal sehen, was wirklich in einem realen, komplexen Projekt umgesetzt wurde oder umgesetzt wird.
Denn HTML5-, CSS3-, Barrierefreiheit- Vorträge gab es in den letzten Jahren ja nun wirklich einige. Ich weiss nicht wie es anderen da geht, aber ich hab da den Eindruck, dass auf vielen anderen Veranstaltungen immer nur dieselben Vorträge in nur kleinen Variationen neu aufgekocht werden. Zum x-ten mal kriegt man die tollen Bildchen zu sehen, die sich beim hovern plötzlich nur mit CSS drehen oder skalieren; oder man hört zum wiederholten mal wie wichtig Webstandards und APIs sind und was man damit im Beispielfalle machen kann.
Anhand von Beispielen wird gezeigt wie man Barrierefreiheit fördern kann oder wo die eben schlecht umgesetzt wurde. Eben Beispiele.

Und daraus kommt dann der zweite Spruch:


„Boah – wie habt ihr das geschafft?!“

Der größte Teil der Leute, die in den vergangenen Jahren zum Webkongress kamen sind ebenfalls Leute, die entweder selbst täglich mitten im Code stecken (sei es CSS, (x)HTML oder auch PHP, Perl oder andere Sprachen, oder auch die Systemadministration) oder Leute die darin selbst mal tätig waren und nun „ihre“ Leute in die richtige Richtung schieben müssen (manchmal/oft etwas traurig, dass man vor lauter organisieren und besprechen selbst immer weniger Zeit hat um selbst zu coden).

Kurzum: Diese Leute wissen dass die Klarsichtprospekte von PR-Menschen die erzählen, dass man mit ein paar Klicks und einem speziellen CMS oder einer Clusterlösung alle Probleme lösen kann, nicht wahr sind.
Um so mehr sieht man dann die Bruchstellen, wo es Probleme gibt.

Wie schafft man es zum Beispiel, nicht nur am ersten Tag des Relaunches eine tolle
Website zu haben, sondern dass diese auch in einem halben oder einem Jahr nach dem Relaunch noch genauso gut und sogar besser (wegen neuer Techniken oder Social Tools) ist.
Der Comic von Kopozky zeigt es in Bildern:
Comic der Lebensphasen eines Webdesigns wie es vom Designer erlebt wird
The Life and Death of Design, Lizenz: CC 2.0 BY NC ND
Wie schaffen Webworker es, daß sie bei den jeweiligen Webauftritt nicht genauso erschrocken werden, wie der Designer auf dem 3. Clip?

Wobei es natürlich nicht nur um das „Danach“ gehen kann, sondern auch um das „vorher“. Dazu wiederum hat Jens Grochtdreis heute ja auch einen netten Link getwittert: kunden.ausderhoelle.de

Auf den üblichen Kongressen, wo die PR-Leute von Agenturen und CMS-Herstellern ihre Produkte anpreisen, wird man davon nichts hören. Doch genau dieses sind die Dinge die interessant sind und von denen ich gern was auf dem Webkongress hören würde.

Ohje, Ich fürchte, ich hab nun alle vorher noch vorhandenen Klarheiten beseitigt?

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Webkongress Erlangen 2010: Ort und Zeit

Achtung, Achtung: Eine Durchsage für alle Interessierten und alle die schon häufiger nachfragten:

Wie bereits vorher geschrieben wird der Webkongress Erlangen (WKE) im kommenden Jahr nach Nürnberg ziehen.
Was noch unklar war, war der Termin. Dieses ist nun nach etwas (emtional durchaus puschenden) hin und her bestätigt worden:
Der WKE2010 findet statt vom 06.10. bis 08.10.2010 .

Die Call for Paper werde ich vorraussichtlich im Januar starten.

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