Einführung in die Suchmaschinenoptimierung

Am Wochenende hab ich für das Vorständetreffen der Piratenpartei „Marina Kassel“ einen Vortrag über Suchmaschinenoptimierung gehalten.


Der Vortrag steht auf Slideshare zur Verfügung, kann aber auch hier als PDF geladen werden: Einführung in die Suchmaschinenoptimierung.

Der Vortrag greift dabei auch zurück auf Vorträge von André Scharf, Marcell Kolmar und eigenen Materialien. Der Vortrag richtet sich an ein Publikum, welches nicht all zu tief in der Materie steckt und eher Praxistipps für Redakteure benötigt.

 

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Radiotheorie reloaded

Wenn ich mir aktuell die Entwicklung um das vermeintlich Recht des Vergessens und jetzt auch dem Urteil bzgl. Social Media Buttons anschaue, muss ich an den Schockwellenreiter, Jörg Kantel, denken; u.a. wie er beim Vortrag auf dem WKE2008 über Partizipation 2.0 auf die Radiotheorie von Brecht hinwies.

Er sagte dabei:

„Neue Medien entstehen notwendigerweise in Kooperation. Ich kann als Webblogger meine Webblog nicht völlig mit eigenen Gedanken füttern. ich brauch Zulieferer, ich brauch Kooperation. Wiederum andere, die von meinen Webblog was mitnehmen. Die von meinen riesigen Fotooutput und Videooutput was mitnehmen“.

Wir waren lange Jahre im Internet in einem Zustand, dass jeder leicht zum Sender werden konnte. Blogs und andere Websites bereicherten das Web. Das Web blühte und es gab eine Atmosphäre des Teilens und der Mitwirkens. Remixing war normal.

Doch inzwischen erfolgt offenbar eine Rückkehr auf die Zustände vor 2003 mit Hilfe von Bürokratie, bzw. durch Ausnutzung und Überdehnung von Rechten und Gerichtsurteilen. Diese gefährden immer mehr das Internet als sozialer und kommunikativer Kulturraum.

Die Methode (ob beabsichtigt oder nicht) ist immer dieselbe: Ein Gesetz oder BGH/OGH-Urteil wendet sich gegen die Handlung eines großen (vermeintlich bösen) Unternehmens.  Dieses Urteil bzw. das Gesetz ist in sich auch oft schlüssig und richtig und möchte Gutes bewirken. So beispielsweise die Pflicht für ein Impressum für die Betreiber von Websites. Ursprünglich war diese Pflicht für kommerzielle Betreiber von Webangeboten gedacht.

Doch was sich eigentlich gegen Unternehmen oder Konzerne richtete, schlug und schlägt schnell zurück viele andere.

Durch die Einbindung von Werbebanner oder Empfehlungen wurden jedoch sehr schnell auch private Blogs und dann auch private Websites unter dieser Pflicht gelegt.  Die Diskussion darüber, wann ein Blog privat oder gewerblich ist, ist immer wieder eine Streitfrage. Man könnte sie natürlich leicht klären und sich verteidigen, wenn man nur das entsprechende juristische Wissen und einen dicken Pelz hat. Leider ist es aber so, dass nun mal eben nicht überall verbreitet ist. Und das viele Leute auch gar keine Lust auf die Zeitverschwendung eines juristischen Spielchens haben.

Folglich akzeptierten viele private Websites die Impressumspflicht. Zwar mit meckern, aber letztlich wurde sie allgemeiner Usus. Inzwischen redet keiner mehr drüber. Eine Ausweg gab es natürlich: Den, einfach gar keine eigene Website mehr zu betreiben und sich in die Obhut eines Blogbetreibers oder einer Plattform zu begeben…

Später kam die Verpflichtung dazu, eine Datenschutzerklärung einzubauen. Auch hier mit dem Ziel den Missbrauch durch kommerziell tätige Unternehmen einzuschränken. Auch hier mit dem Nebeneffekt, dass man dann auch wiedermal alle privaten Blogs und Websites mit traf. Es sei denn, sie nutzten den Ausweg und gaben ihre Website auf und begaben sich in die Obhut eines Blogbetreibers oder einer Plattform…

Vor ein paar Jahren sollte dann nach dem Willen einiger Verbände mit dem Jugendmedienstaatsvertrag eine Verpflichtung an alle Website-Betreiber kommen, ihre Seiten zu kennzeichnen. Zum Glück wurde dies fürs erste abgewendet. Die Widerstände waren dann aufgrund des Unsinns und Unzulänglichkeit der Vorschläge all zu groß. Doch scheint es nur aufgeschoben, nicht aufgehoben. Alvar Freude zeigte auf dem CCC-Kongress und auch vorgestern auf dem Webkongress Erlangen, wie unsinnig diese Vorschläge sind. So zeigte es sich, dass selbst der offizielle Kanal mit den Videos zur Sendung mit der Maus gesperrt sei. Diesen Irrsin erlaubte ich mir zu twittern, worauf ich dann sogleich eine Mention erhielt:

twittershot-20160308-fragfinn

fragFinn, der Twitter-Account des Kinderschutzfilterbetreibers wies darauf hin, dass man die Sendung mit der Maus, ja im fragFINN-Surfraum aufrufen könne.

In anderen Worten: Kommt zur Plattform unseres Vertrauens, da und nur dort ist alles gut. Das nun Menschen allerdings ihre eigenen bevorzugten Plattformen und Orte haben und dort zu Hause sind oder den Content in den eigenen Websites einbinden (zum Beispiel die Videos in der eigenen Homepage), das spielt da gar keine Rolle. Man denkt wie im Jahr 2003, als es die höchste Form der Verlinkung die eines Links oder eines Frames war…

Also auch hier wieder: Wenn man nur den Ausweg nutzte und seine Website aufgebe und sich in die Obhut eines Blogbetreibers oder einer (ausgewählten) Plattform begäbe…

Dann kam jetzt vor einiger Zeit die Cookie-Richtlinie. Viele Blogs und andere Website sind nun fröhlich dabei, ihre Websites mit Cookie-Hinweisen zu versehen. Manche sogar unter dem Zwang von Medienkonzernen, wie Google.

Und auch hier wieder wie bei der Impressumspflicht, der Pflicht zu Datenschutzhinweisen, der gerade noch verhinderten Pflicht zur Altersangabe, man könnte ja…

Und nun das Urteil zu den Social Media Plugins.

Auch hier wurde an Facebook gedacht und ein ehrenwertes Ziel verfolgt, nämlich die unbändige Datensammlerei einzuschränken. Wer nicht viel weiter denkt, beklatschte das Urteil auch schnell.

Nicht als erstes, aber als einer der prominenten Netizens, wies Mario Sixtus darauf hin, dass dies mehr bedeutet als nur Facebook:

twittershot-20160309-sixtus

Sixtus schrieb,

Auf dem Weg, das Internet abzuschaffen, ist Deutschland heute einen entscheidenden Schritt voran gekommen.

Denn genauso wie wir Facebook einbinden, binden wir auch viele andere Dinge ein. Beispielsweise Videos von YouTube, Slides von Slideshare, Schriften von Google,  Twittercards von Twitter.com, Bilder von Flickr, Musik von Jamendo oder anderen freien Plattformen, etc pp.
Und immer und überall ist eines gleich, denn dies ist grundlegender Mechanismus im Netz: Wenn ich ein Objekt aus dem Netz von einem Server lade, merkt der betreffende Server dies auch. Und loggt dies auch wahrscheinlich. Und nutzt diese Daten auch. Und dies ist auch richtig so.

Was der Serverbetreiber jeweils mit diesen Daten macht, ist eine andere Frage. Ob er diese missbraucht zu bösen Zwecken oder ob er sie lediglich nutzt um sich an der Zugriffsstatistik zu erfreuen, eine Erfolgskontrolle und Feedback zu erhalten oder um sie zu remixen und neues zu schaffen: Wir wissen es erst mal nicht. Doch obiges Urteil macht, wie so viele andere oben genannte ein Pauschalurteil über all dies: Das ist böse. Und daher darf das nicht sein.

Die vermeintliche Lösung? Man könne doch alles selbst hosten:

twittershot-20160309-derkalle-content

Tobias McFadden,

„Wer sich auskennt, soll Content selbst hosten, nicht tracken und damit sharebar machen“.

Dies ist genau dieselbe Ansicht, wie es oben die Lobbyisten der Netzfilter vortrugen: Man müsse halt eben alles selbst hosten. Auf einer Plattform: Nicht vernetzt,  nicht erlangt durch Sharing, nicht interaktiv (denn wenn jemand mein Content integriert, wäre dies eine Möglichkeit).

Aber da es niemand leisten kann, alles selbst zu hosten und dies auch genau das widerspricht was verlangt wird (nämlich die Integration fremden Contents), bedeutet dies im Folgeschritt auch das was oben so oft als Ausweg kam:  Den Ausweg, einfach gar keine eigene Website mehr zu betreiben und sich in die Obhut eines Blogbetreibers oder einer Plattform zu begeben. Und dieses mal wahrscheinlich einer speziellen.
Vielleicht gibt es noch einen weiteren Ausweg: Ab ins Darknet und nur noch über Tor mit einer .onion Adresse erreichbar. Oder ins IndieWeb nur noch für Freunde.

Doch ist es das, was wir wollen? Ist das dieses grenzenlose Netz?
Nein. Wir bauen neue Schranken, neue Grenzen auf. Virtuelle Grenzen, die Rechtsräume unterscheiden. Netz der moralische Reinheit hier. Netz des Datenschutzregimes da. Netz aus der Staats- und-Verlags-Connection dort. Dazwischen höchstens ein paar kleine Inseln aus Graswurzel-Projekten, die noch zu klein oder zu unbedeutend sind, als das der Staat oder Lobbys auf sie aufmerksam würden.

Der mündige Bürger, der frei in seiner Entscheidung und seiner Lebenswahl ist? Den kann es nicht mehr geben in dieser Welt. Die sanft knospende Blüte eines Bürgerstaats wird abgerissen: Der Vater- oder Mutterstaat muss den Bürger schützen und behüten. Ob dieser will oder nicht steht nicht zur Debatte, er wird nicht einmal gefragt. Jeder Protest verhalt ungehört, denn auch Demonstrationen sind nur noch ein Symbol in einer Welt voller bunter Symbole, Icons und Emoticons.

Willkommen im Nanny-Netz 3.0. Der Version nach den Misserfolgen Zensursula 1.0 und JMStV-Netz 2.0.

Es macht mich traurig, dass wir nach all diesen Jahren, seit der Schockwellenreiter den oben genannten Vortrag hielt, wieder dabei sind zurück zufallen auf einem Stand davor. Auf einem Stand, indem es aufgrund bürokratischer oder juristischer Hürden zu gefährlich ist, ein eigenständiger „Sender“ zu sein. Wo letztlich als einzig verbleibender Ausweg nur der zu bleiben scheint, sich einer Plattform unterzuordnen; Unter deren Regeln und unter deren Regime.

Wohin auch dies führen kann, hat der Schockwellenreiter in seinem Vortrag auch erwähnt, als er einen Rückblick gab darauf, welches Regime einst die freien Radios unter Kontrolle brachte.

 

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2015 - Hintergrundbild: Merkel von Armin Linnartz,  CC BY-SA 3.0 de

2015 – Das Jahr der Arroganz der Macht

Aus Sicht eines Piraten war das Jahr 2015 nicht gerade prickelnd.
Und dabei denke ich nicht an die Lage in der Piratenpartei, wo einige vormals aktive Leute frustriert das Handtuch warfen um in Zukunft …ja was eigentlich zu tun? Etwa die Etablierten wieder wählen?

Denn genau an die Etablierten denke ich, wenn ich das vergangene Jahr sehe:
2015 ist das Jahr, in dem Grundrechte und Visionen weiter abgebaut wurden. Trotz recht eindeutiger Sachlage und Gerichtsurteile haben wir wieder eine Vorratsdatenspeicherung.
Beschlossen nicht allein von SPD und CDU, sondern auch beschlossen von den Ländern in denen auch Grüne und Linke mit wirken.
Die nicht gewählte EU-Kommission intrigiert weiterhin zusammen mit ebenfalls ungewählten Konzernvertretern und den USA um TTIP auf Teufel komm raus durchzusetzen. Und unsere Bundesregierung, geführt aus CDU/CSU und SPD macht hierbei mit.
Auch bei der Datenschutzreform erzählt uns die Regierung Märchen von blauen Himmel und sicheren Daten hier, während sie in Brüssel das Gegenteil unternimmt und unsere Daten weiterhin ohne jegliche Skrupel verkauft.

Auch die SPD zeigt wieder einmal deutlich ihr altbekanntes Janusgesicht:
Zeigt die Basis sehr deutlich, was sie von all diesem Treiben hält, kommt davon nichts bei den Parteitagen als Beschluss durch.
Und dann gibt es wieder und wieder und wieder einmal irgendeine Gruppe oder einen Kreis in der SPD, welche sich für das Richtige einsetzt, sei es gegen TTIP, sei es für Datenschutz, sei es für Digitalisierung oder Bildung, die so kurz davor steht, eine Position oder einen Leitantrag dazu erfolgreich zu stellen…. ohne dass dies jedoch dann bei einem Parteitag dann soweit kommt.

So sehr man sich darüber aufregen mag, als ein wenig zynisch denkender Informatiker der auch eine Prise Argwohn mit bringt, möchte ich hierfür die SPD-Marketing-Strategen gratulieren: Durch diese Taktik ist es der SPD in den letzten Jahren nun mehrfach gelungen, Menschen dazu zu bringen, sie doch noch zu wählen, in der Hoffnung, dass sich dann doch noch was zum Besseren bewegt. Schließlich gibt es ja da diese oder jene Gruppe. Und die wird bestimmt erfolgreich sein. Ganz sicher. Ok. Vielleicht nicht heute. Aber morgen. Oder übermorgen. Irgendwann…
Auch bekannte Persönlichkeiten, die als Netzexperten der SPD durch die Medien touren, machen dabei fröhlich mit.

2015 haben wir verloren: Grundrechte wurden und werden in Frage gestellt.
Minister, die auf die Verfassung ihre Treue schworen, stellen dieses in Frage, schwafeln gar von irgendwelchen Supergrundrechten. Der NSU-Prozess und der NSA-Untersuchungsausschuss offenbaren ein gefährliches und kriminelles Verhalten von Mitgliedern der Regierung.
Das Kanzleramt erweist sich als zentrale Quelle von Falschinformationen und geheimen Anordnungen an untergeordneten Einrichtungen. Wird letztlich versagen und Fehler der verantwortlichen Personen festgestellt, so passiert… nichts. Sieht man von den GEZ-bezahlten Einladungen zu Talkrunden im öffentlich-rechtlichen Fernsehen ab.

Die Kanzlerin präsentiert angesichts der Flüchtlingslage, die durch das Wegschauen der Regierung in den letzten Jahren und den stetigen Waffengeschäften an korrupte Regierungen sicherlich mit befördert wurde lediglich einige Marketingsprüche, die dem Pointy Hary Boss aus Dilbert zur Ehre gereichen würden.

Als die Kanzlerin sagte „Wir schaffen das!“, meinte sie dann auch nicht das „wir“, welches wir kennen. Wie auch bei der Datenschutzreform spielte hier die Regierung ein mieses Spiel: „Außen hui, innen Pfui.“
War die Flüchtlingskrise seit langen vorhersehbar tat die Bundesregierung nichts und ließ sowohl die Länder und Kommunen allein.
„Wir schaffen das!“ war nicht mehr als eine symbolische Marktingbotschaft für die Kanzlerin selbst. Die Arbeit jedoch, die wirkliche Aufopferung, fand ganz woanders statt. Nämlich überwiegend bei den einzelnen Menschen vor Ort. Bei vielen, sehr vielen Ehrenämtler die Tage und Nächte opferten und weiterhin opfern um andere Menschen, die in Not gerieten, beizustehen. Nicht mit, sondern trotz der Regierung, die sich nun mit dieser Opferbereitschaft der Menschen und der freiwilligen Helfer brüstet.

Persönlich halte ich das Verhalten der Kanzlerin in dieser Sache sogar für schlimmer als das von der CSU. Die CSU und mir ihr Seehofer, macht sich in ihrer harten Haltung ganz klar zum Buhmann. Doch gleichzeitig tut die CSU tatsächlich viel auf kommunaler und auf Landesebene. Die CSU meckert, sie poltert, sie zündelt auch. Aber wenigstens tut sie dabei was. Bei der CSU weiß man wenigstens woran man ist. Die CDU, die Bundesregierung und die Kanzlerin dagegen, geben sich als galante Ritter auf weißem Pferd. Während sie hinter der Hand und von der Presse nicht beachtet, neue Waffendeals mit Saudi-Arabien und anderen Staaten machen.

Die Arroganz der Macht scheint all zu oft Parteigrenzen zu überwinden. Wir sehen in Stuttgart was die Grünen tun, nachdem sie an die Macht gerieten. Kretschmer hat -ganz nach Vorbild von Seehofer- bereits angekündigt, pro TTIP zu stimmen. Dabei hätten uns die Regierungsjahre von Rot-Grün eigentlich Warnung genug sein können. Die Regierungsjahre in denen uns SPD und Grüne nicht nur Hartz4 brachten, sondern wo auch insgeheim die Grundlagen der Geheimdienstzusammenarbeit geschaffen wurden. Deren Folgen uns Snowden offenbarte.

Und wer ist schuld an dem allen?

Wenn es nach einigen verwirrten Seelen geht, dann ist die Piratenpartei an allem schuld!

Wir sind schuld daran, dass wir 2009 nicht richtig aufgepasst haben, welche komischen Nasen auf Wählerlisten kamen. Genauso wie wir dafür schuld sind, dass wir nicht genug fest angestellte Leute haben können, die Hauptberuflich Marketing und Verwaltung machen.
Aber auch das spielt keine Rolle und wäre nur Ansatz zu schwachen Entschuldigungen. Schlicht:

Was fällt uns Piraten überhaupt ein? Wie konnten wir es überhaupt wagen, uns in Politik einzumischen!?!

Es gibt einige Leute, die aufgrund von Enttäuschung über einzelne Vorfälle es sich zum Ziel genommen haben, die Piratenpartei als ganzes und manche Piraten als einzelnes schlecht zu machen. Das ist nervig. Aber es ist deren gutes Recht und man muss es auch aushalten können. Trotzdem frage ich mich, ob das alles ist, was sie tun? Was ist denn jetzt die Alternative? Sollen wir weiterhin oder wieder zum Stimmvieh von einer der vier etablierten Parteien werden? Sollen wir Nichtwähler werden und so durch die Regelung der Parteienfinanzierung dann doch die großen Parteien unterstützen? Hat sich eigentlich irgendwas von den Zielen und den Gründen für die Piratenpartei geändert? (Nein.)

Klar und nicht zu widersprechen ist: Die Piratenpartei als Ganzes aber auch Piraten als Einzelne haben heftige Fehler gemacht. Wir haben in unsere Naivität jedes andere Parteimitglied ungeprüft als eines der unsrigen gesehen. Als jemand, mit genau denselben Meinungen und Visionen.
Dies war und ist falsch und dumm. Und es war ignorant gegenüber dem was es bedeutete, als wir selbst einst sagten, dass die Partei auch eine Plattform sein sollte für verschiedene Meinungen. Denn das wurden wir – es kamen Leute rein, die diese Plattform nutzten. Jedoch nicht im Sinne der Partei und deren satzungsgemäßer Ziele, sondern um ihre eigene Agenda und ihre eigenen Karieren zu fördern.
Wir haben auch nicht geschaut, ob die Leute, die unsere Beauftragten und Sprecher waren auch tatsächlich die notwendige inhaltliche Kompetenz hatten. Am Ende hatten wir Netzpolitische Sprecher, die zwar viel Sprechen können, aber von Netzpolitik soviel Ahnung hatten wie Lieschen Müller von Quantenphysik. Ähnliches traf auf viele andere Beauftragte oder bekannte Namen zu.

Die CSU hatte nur einen Guttenberg. Wir hatten dafür viele.

Kurzum: Wir haben genau das getan, beziehungsweise waren auf demselben Weg dahin so zu werden wie die großen etablierten Parteien: Viel Schein, große Worte, aber kein Sein, keine Kompetenz.
Wir haben unsere Hausaufgaben nicht gemacht. Wir haben zugelassen, dass Leute mit großem Maul an Führungspositionen kamen. Wir haben sie sogar selbst gewählt. Wir waren zu faul, um richtig nachzuprüfen, wer da eigentlich kommt und was der oder die tatsächlich drauf hat.
Und mehr noch: Als  erste Kandidaten zu Ämtern anfingen sich dem „Grillen“ und dem Nachfragen zu verweigern (manche im Vorfeld, manche durch Spontankandidaturen), haben wir das einfach so hingenommen.
Und dafür haben wir den Hass, mit den einige Ex-Piraten die Piratenpartei nun verfolgen, durchaus verdient.

2015 hat in der Politik quasi ein Reset statt gefunden. Wir sind wieder zurückgeworfen worden auf die frühen Jahre zwischen 2001 und 2010. Der Demokratieabbau nimmt wieder zu. Grundrechte werden eingeschränkt, die Lücke zwischen Arm und Reich wird immer größer und selbst die Europäische Idee ist in Gefahr.

Auch in der Piratenpartei gab es 2015 den Beginn eines Resets.
Wir können und mit den Erfahrungen über die gemachten Fehler neu starten.
Doch es wird nicht leicht. Die politischen Gegner haben ebenfalls aus ihren Fehlern gelernt. Sie sind dabei, all das, was weltweit an einem Mehr an Mitbeteiligung und Mitbestimmung eingeleitet wurde, rückgängig zu machen.
Das Internet wird durch immer mehr Regularien „gebändigt“. Nicht Zensur allein wird benutzt, sondern auch ganz normale harmlose Einschränkungen, die scheinbar gut sind, wie wir es bspw. nun an der Cookie-Richtlinie sehen, die uns täglich zu nervigen Meldungen bringt.

An das Leistungsschutzrecht haben wir uns ebenfalls bereits gewöhnt.
So wie der Frosch im Kochtopf über das erwärmende Wasser, denken wir darüber gar nicht mehr nach. Das vermeintlich gute „Recht auf Vergessen“, erweist sich als Bumerang und immer mehr als nützlicher Hebel mit dem gerade Korrupte und Kriminelle, aber auch Konzerne und Politiker ihre Spuren verwischen. Der früher im Dienste der Bürger tätige Datenschutz erweist sich immer mehr als eine Behörde, die sich gegen den Bürger wendet und die Taten des Staats ignoriert. Ein illegaler Troyaner im Staatseinsatz erweist sich als folgenlos, während eine Sekretärin, die aus versehen eine Massenmail sendet in der alle Adressaten im CC sichtbar sind mit einem Bußgeld über 50.000 Euro konfrontiert wird. Und während einige von uns noch den neuen Privilegien der Datenschutzbehörden zujubeln, wird sie bereits dazu gewandelt, um in Zukunft als Zensur- und Kontrollbehörde zu wirken.

Wir Piraten werden gebraucht. Dringend.

Und wer, wenn nicht wir?

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Datenschutz ist nicht wichtiger als Menschenleben

Auf piratenpartei.de wurde heute ein Gastartikel von Stefan Müller zum Thema BigData veröffentlicht.

Der Artikel endet mit dem Schlusssatz:
„Daher sind an Massendatensammlungen, zumal wenn sie unfreiwillig  ablaufen, strenge Anforderungen zu legen, wenn nicht gar komplett zu  untersagen.“

Ich lehne den Fazit ab. Ich sehe hier mehr „German Angst“ drin als eine der Sache angemessenen Argumentation. Als Pirat würde ich einen entsprechenden Programm- oder Positionsantrag meiner Stimme verwehren.
Ich stimme dem jedoch Autoren zu, dass BigData missbraucht werden kann. Nicht nur kann, sondern wird. Wie bei jeder neue Technologie, geschieht dies auch hier.

Der Artikel zeigt jedoch nur die negativen Gesichtspunkt auf und ist dadurch einseitig.
Ich möchte ein Argument aufbringen, welches vom Stellvertretender Direktor der Charite, Prof. Dr. Reinhold Schäfer kommt und er auf das vor kurzem bei einem Kongress zum Thema hinwies. Dabei geht es um die Krebsforschung:
Aufgrund der hohen Hürden im Datenschutz gibt es kein zentralen Register für Krebstherapien. Es ist Ärzten und Krankenhäuser nicht möglich die Ergebnisse von Therapien auszutauschen. Denn aufgrund der individuellen und vielfältigen Formen von Krebserkranken würde es unmöglich sein, diese Daten vollständig anonymisierbar zu machen.

Was hat das für Folgen? Es hat ganz fatale Folgen!
Menschen erhalten nicht die Therapien, die sie brauchen, weil die behandelnden Ärzte sie nicht kennen. Sie können schlichtweg nicht abgleichen welche Therapien bei Menschen mit welchen Krankheitsverlauf erfolgreich waren und welche nicht. Stattdessen müssen sie „herumdoktoren“ und jeder für sich wieder und wieder Dinge ausprobieren. Therapien werden versucht, die möglicherweise sich in anderen Kliniken längst als untauglich bei selben Fallkonstellationen erwiesen haben.

Ist der Datenschutz etwa wichtiger ist als Menschenleben?

Natürlich ist er das nicht. Eine Abwägung ist notwendig. Immer. Und daher sind pauschale Aussagen darüber, dass BigData am besten komplett zu untersagen sei, völlig falsch.

Ein anderes Beispiel, welches derzeit am Horizont steht ist der Austausch von Informationen von Autos untereinander, welches das kommende große DIng sein wird.
Auch hier haben wir es mit einer BigData-Anwendung zu tun, bei der ein unmittelbarer kaum zu trennender Zusammenhang mit personenbeziehbaren Daten besteht.
Ein technisch reales Szenario ist beispielsweise das im Winter ein Auto eine Glatteisstelle „bemerkt“. In der Vorstellung der Entwickler und auch umsetzbar wäre nun, daß das Auto selbstständig die Gefahrenquelle meldet. Autos, die später kommen wären gewarnt und könnten rechtzeitig und sicher abbremsen.
Es könnten Unfälle vermieden, es könnten Leben gerettet werden!

Soweit, so gut. Aber Datenschützer und der Tenor des obigen Artikels sagt: Sorry, das ist BigData. Es ist personenbeziehbar, geht gar nicht! Denn man stelle sich vor, die Autoversicherung würde die Daten ebenfalls abschnorcheln! Die würde damit dann doch die Möglichkeit haben zu sehen, wie schnell der Autofahrer tatsächlich war und wo das war. Die könnten den Autofahrer vollständig in seiner Bewegung überwachen. Dies könnte wiederum zu einer sozialen oder finanziellen Kontrolle führen, indem die Versichung höhere Beiträge einfordert oder den Versicherungsschutz verwehrt.

Und deswegen darf das nicht sein.
Das man damit Leben retten könnte im Verkehr? Egal, Hauptsache Datenschutz.

Wollen wir das wirklich? Ist Datenschutz wirklich wichtiger als Menschenleben?

Das Grundgesetz gibt dem Menschenleben eine höhere Priorität. Datenschutz kommt erst später. Wir wollen sicherlich alle Schutz unser persönlichen Daten vor Missbrauch. Da sind wir uns hoffentlich aller einer Meinung.
Aber dies darf nicht dazu führen, dass eine übertriebene Datensparsamkeit dazu führt, dass Menschen nicht geholfen, nicht richtig therapiert oder zu Schaden kommen.

Mein Fazit:

Datenschutz im Sinne von Datensicherheit? Ja!

Datensparsamkeit im Sinne des Verbots von Datensammlungen und Auswertung durch jedermann? Nein.

 

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