Kommentar Netzkultur Piraten

Piraten-Burnout

Einige aktive Piraten werfen derzeit hin.  Als Gründe werden oft Frust oder auch Mobbing angeführt.

Doch meines Erachtens spielt auch etwas anderes eine große Rolle: Erschöpfung bis zum Umfallen – Burnout.

Viele aktive Piraten arbeiten Tag und Nacht (selbst in ihren Träumen im Schlaf). Und sie geben sich keine Pause: Tagsüber geht man der normalenArbeit nach, abends die Partei, im Mumble, dann Treffen der SG X, der AG Y und dann noch dies und das. Und am Wochenende -fast jedes Wochenende- ist irgendwo eine AV, ein KPT, BzPT, ein LPT oder eben mal wieder ein BPT.  Und wenn mal kein Parteitag ist, dann eine andere Veranstaltung oder ein anderes Treffen irgendeiner Gruppe. Und überhaupt hat man jemand versprochen mal diesen Antrag durchzulesen und jenen Artikel zu schreiben…

Ich beobachte das schon lange bei vielen Piraten. Und es macht mir große Sorge.  Einige konnte  ich davon überzeugen, mal kürzer zu treten. Andere nicht.

Die meisten sagen, ja, du hast ja recht. Und sie merken auch selbst, daß sie längst auf dem Zahnfleisch kriechen. Aber das hindert dann andere trotzdem nicht daran, Termine zu setzen. Wenn man dann als Betroffener nicht mal von selbst eine Grenze zieht und sagt, ich kann nicht, da brauch ich Zeit für mich (oder es auch nicht begründet, muss ja nicht) , dann geht man trotzdem hin… Und es kommt zu einem Teufelskreislauf. Wenn man so am Boden ist, nutzt auch längst ein Placebo in Form eines „#flausch“ in Twitter nichts mehr. (Wenn das nicht sogar gegenteilig wirken mag, weil man sich dann nur kurzzeitig freut und dann noch härter, noch selbstausbeuterischer arbeitet).
In dieser Verfassung in der man dann ist, sind auch längst alle mentalen und sozialen Barrieren und Filter weg.  Die Folge ist, daß man sehr schnell missverständlich geschriebene oder gesagte Worte von anderen als Angriff oder eben hintergründig sieht. Man verliert auch die Befähigung, Rhetorik und nicht mit Smileys ausgezeichnete Späße als harmlos zu erkennen.

„Feinde! Feinde! Überall Feinde, um mich herum!“

Ein Patentrezept gegen dies gibt es nicht.
Wer engagiert ist, tappt sehr schnell in diese Falle und gelangt somit leicht in diesen Teufelskreis. Selbst erkennen tut man dies oft nur dann, wenn man bereits einmal vorher nahe oder im Burnout war und lernte die Zeichen an sich selbst zu deuten.
Um so wichtiger ist es, daß andere, die diese Zeichen erkennen, etwas sagen.

 Menschen, Piraten, Freunde:  Passt auf euch auf. Nehmt euch Zeit für euch selbst! Und wenn ihr seht, das andere sich überfordern, dann haltet sie auf! Wartet nicht, bis sie sich säbelzückend den Strick um den Hals legen und sich vor die gezündete Kanone werfen.

Auch wenn Wahlkampf ist und Beschlüsse oder Nachrichten ganz dringend Statements von euch erfordern – nehmt euch Zeit für euch selbst. In der Piratenarbeit keine Rolle spielt.

Die meisten von uns sind zu Piraten gekommen, weil sie enttäuscht von den Etablierten sind. Weil wir die Alltagskorruption und soziale Mißstände nicht mehr ignorieren wollen. Weil wir was tun wollen. Weil es Zeit ist, Dinge zu hinterfragen! Weil wir nicht nur an uns selbst denken, sondern auch an andere und die ganze Gesellschaft und darüber hinaus an die Zukunft. Kurzum: Wir sind zu den Piraten gekommen, weil wir was tun wollen für die Menschen und die Welt.

Wenn wir jedoch nur noch Piratenarbeit kennen, nur noch Politik, nur noch Organisation,  Strategie und Formalfoo, wo bleibt dann unsere Verbindung zur Wirklichkeit? Zu den Menschen, zu der Welt?  Wer nur Piratenarbeit kennt, verliert den Kontakt zur Wirklichkeit. Und verliert deswegen auch irgendwann das Gefühl dafür was wichtig ist und was nicht. Und wird möglicherweise so zu dem was wir eigentlich bekämpfen wollten.

Meines Erachtens kennzeichnet einen Piraten daher eines ganz deutlich: Seine Prioritäten. Nicht die Parteiarbeit, nicht irgendwelche Aktionen oder Piratenveranstaltungen sollten höchste Priorität haben. Sondern das private Umfeld. Die Familie. Und auch etwas die eigene Person.

Piraten, bitte beherzt dies. Wenn ihr euch gefrustet fühlt, wenn ihr meint es geht nicht mehr, dann nimmt eine Auszeit! Und eine Auszeit besteht nicht nur aus einem Tag oder nur einem Wochenende! Nehmt euch die Zeit die ihr braucht. Das kann ein verlängertes Wochenende ohne Computer (!), ohne Handy(!!!) am Baggersee sein. Es kann ein Urlaub in der Karibik sein. Oder auch mehrere Monate, in denen ihr einfach mal nichts piratiges tut. Einfach mal loslassen.

Bartholomew Roberts, Holzschnitt
Bartholomew Roberts, Holzschnitt,
Lizenz: Public Domain

Wenn ihr euch festgelegt habt (z.B. weil ihr Kandidat seit) und all dies nicht machen könnt, dann solltet ihr euch wenigstens alternativ einen festen Termin geben: Einmal die Woche, zum Beispiel am Sonntag , ist frei. Piratenfrei. Keine Arbeit. Keine Termine, komme was da wolle! Es kann auch Wochentags sein. Und sei es der Mittwochabend, wo der BuVo tagt. Gebt diesen Tag einen Namen, z.B. Bartholomew Roberts Day. Damit er fest in Erinnerung ist und so nicht so einfach in Frage gestellt werden kann.

Ich verspreche euch, danach wird alles besser sein.
Aber egal was ihr tut. Findet etwas, damit ihr zu euch selbst findet. Damit ihr die Bodenhaftung nicht verliert und eure Energien wieder aufladen könnt.