Es ist still geworden um das Thema Barrierefreiheit.
Das könnte in der Theorie zwei Gründe haben. Der erste Grund wäre positiv: Das Ziel wurde erreicht. Barrierefreie Webangebote gehören so sehr zum alltäglichen Standard, dass keiner mehr drüber reden muss. Es ist Teil eines jeden Webauftritts; Ähnlich wie ein Sicherheitsgurt im Auto ist es dabei und niemand kommt mehr auf die Idee, dass es etwas besonderes sei. Und kein seriöse Händler würde auf die Idee kommen, hierfür noch extra Geld zu verlangen.

Der zweite mögliche Grund wäre dagegen negativ: Wir haben den Kampf verloren.
Über Barrierefreiheit redet keiner mehr, weil man nicht mehr darüber reden will. Entwickler und webaffine Menschen, aber auch Designer haben sich von den vielen neuen und coolen Features die im Zuge der sozialen Netzwerke und der immer größeren Vernetzung kamen, becircen lassen. Hinzu kam auch, dass HTML5 und CSS3 nun endlich alltagstauglich wurden und ein riesigen Schatz und neuen Möglichkeiten eröffneten, die man ausprobieren möchte. Für Barrierefreiheit blieb und bleibt da keine Zeit.

Ich fürchte, dass zweite ist eingetreten: Die Barrierefreiheit im Internet ist todkrank. Und wenn noch nicht der Krankheit erlegen, so leidet sie doch nun an einer tödlichen Krankheit.

Nicht allein, dass viele Leute die sich in den letzten Jahren für das Thema einsetzten, kaum noch etwas dafür tun. Das Problem ist größer geworden: Durch das Nachlassen des Aufklärungsdrucks (kaum noch Artikel aus der Szene, keine oder wenige Schulungen oder Vorträge, dem Ende des einzigen seriösen Wettbewerb in Deutschland, dem BIENE-Award, der die Agenturen anstachelte etwas zu tun) einerseits und durch die fast völlige Sprachlosigkeit aus der Politik seitens der zuständigen Behindertenbeauftragten und der Verbände, ist das Thema nachhaltig aus dem Fokus verschwunden.

Es ist, als ob all die Arbeit die sehr viele Menschen zwischen 2001 und 2009 leisteten, nicht geschehen sei. Allenfalls einige wenige Relikte in Form von alten Webseiten und nur mehr mangelhaft betreuten Webprojekten sind übrig geblieben.

Wie sehr das Thema inzwischen aus dem Fokus von Webentwicklern oder netzaffinen Menschen entschwunden ist, spürt man deutlich, wenn man in Kontakt mit Entwicklern anderer Webprojekten kommt, bei denen für den Experten offensichtliche Mängel vorhanden sind.
Wenn ich die zuständigen Entwickler darauf ansprach, warum ihre Website denn nicht barrierefrei sei, erhielt ich nach einer kurzen sprachlosen Schockzeit die üblichen Antworten, wie ich sie auch aus dem Jahr 2004 noch kannte: Man wollt die Barrierefreiheit nachträglich noch hinzufügen, man sei nur noch nicht dazu gekommen. Oder aggressive Antworten, wie die, dass man von Projekten die ehrenamtlich geleistet werden, so was nicht erwarten könne und überhaupt würde der Vorwurf, dass man nicht barrierefrei sei, bestimmt nicht dazu beitragen, dass man dies verbessere…
Selten wurde auch unumwunden zugegeben, dass man davon überrascht wurde. Vor wenigen Tagen musste ich gar jemand, der seit einigen Jahren selbst im Netz ist und schon Internetprojekte mit überregionalen Bezug programmierte, erklären, welche gängigen Testverfahren es denn gäbe (BITV-Test 2 und WCAG 2.0 Konformitätsprüfung).
Das auch Leute mit den längst wiederlegten Märchen der Mehrkosten kommen, ist ebenfalls nicht mehr verwunderlich.

Mich störte bei den Antworten weniger die Gruppe derjenigen, die ehrlich zugeben, dass sie es nicht im Fokus hatten.
Viel mehr schockiert mich etwas, was selbst vor 10 Jahren nicht oder nur selten vorgekommen ist: Eine Art schulterzuckende Resignation im O-Ton:

Ja, wir sind nicht barrierefrei. Das ist nicht schön. Aber da kann man halt nichts machen.

Sehr ausgeprägt ist dieses Verhalten auch bei der Nutzung von Tools und Werkzeugen aus dem Social Media in der eigenen Website.
So zum Beispiel Captchas, bei denen eine Variante genommen wird, die keinen alternativen Zugang ermöglicht. Auf Anfragen, doch ein anderes zu nehmen oder dieses Technik ganz abzuschaffen, wird meist nicht reagiert. Ähnlich das Verhalten bei Fanpages in facebook. Einige dieser Pages sind so eingestellt, dass sie nur mit einem gültigen Login abgerufen werden können. Dabei ist eine öffentliche Nutzung durchaus möglich. Doch anstelle den „Aufwand“ zu betreiben, diese eine Konfigurationseigenschaft umzustellen, werden unsinnige Gründe vorgeschoben, darunter die eigene Unwissenheit. Und oftmals kommt später dann auch hier keine weitere Reaktion.

Das unangenehme Thema belastet das Gewissen, deswegen will man nichts hören, nichts sehen und nichts lesen.

Und den Spiegel vorgehalten bekommen, mag schon niemand gern:
Geradezu Heuchlerisch wird das ganze Thema, wenn einige Website-Betreiber sich vorher noch in offenen Briefen gegen Extremismus und Diskriminierung wenden. Dann aber eigene Websites betreiben, die so gestaltet sind, dass zwischen 3 und 7% aller Menschen dort ausgeschlossen werden, dies durchaus wegen eingegangener Beschwerden wissen und trotzdem auf ein (kostenfreies!) Hilfeangebot zur Verbesserung der Situation nicht eingehen wollen.

Lange Rede, kurzer Sinn:
Was das Thema Barrierefreiheit angeht, hab ich den Eindruck, wir sind wieder im selben Zustand wie im Jahr 2004.
Mit einem gewichtigen Unterschied: Viele der alte Hasen, der Netizens, die damals das Thema vorantrieben, sind heute nur noch frustriert und wenden sich daher neuen Themen zu.

Man bedim len?
(Sindarin: Wohin gehen wir?)

Dieser Artikel wurde erstmalig auf G+ publiziert.